Battles - Dross Glop9. May 2012 / Kategorie: TonträgerErdbeereis war noch nie so meins. Vielleicht war das der Grund, warum Gloss Drop, das letztjährige Zweitwerk der Battles, mich nicht so richtig anzog. Sicher, die Single Ice Cream: Großartig. Abschreckend alleine das Cover, weiß, altrosa, monoton, schön durch den Fleischwolf gedreht, ein fieser Berg aus, nun, wer weiß, Kindertrauma oder so - Erdbeereis. Gut, dass dieser auf dem Cover des Remix-Albums Dross Glop mit lecker farbstoffsatter Soße überschmiert ist, an deren Genießbarkeit einige Zweifel bestehen dürften. Und dennoch, also bitte: Wer sich da nicht reinschmeißen mag, der zieht potenziell auch Kinder in Prenzlberg groß. Aber kommen wir zum Wesentlichen: Dass ein Remix-Album selten für sich die Klasse des Grundmaterials erreicht, ist theoretisch schade (das Konzept des Neu-Zusammensetzens bringt Pop doch noch immer am allerbesten auf den Punkt), praktisch seit den 80ern immer wieder bewiesen worden. Weswegen es auch hier nicht darum gehen darf, zu konstatieren, dass die Masse der Remixe dieser Zusammenstellung nicht total geil, genre-definierend und outstanding ist. Wie auf den meisten Remix-Alben stellt sich auch hier größtenteils das Gefühl ein, die Idee sei doch deutlich besser als das Ergebnis; Legion ist die Zahl der großen Namen, die auf dem Papier Vorfreude verbreiten und auf Platte Enttäuschung. In diese Kategorie fallen hier vor allem The Field, deren Sweetie & Shag zwar in Axel Willners Trademark-Sounds badet, damit allerdings nicht solche Glücksmomente erzeugt wie zuletzt auf Looping State of Mind. Kümmern sollte daher eher, wo sich die Bastelarbeit in Richtung Hirnfick gelohnt hat, und das muss zunächst für Qlusters Version von Dominican Fade festgestellt werden, die schön psychedelisch zerfließt, für GangGangDances Bearbeitung von Ice Cream, deren Zerfließen aber eher wahnwitzigen Salti zu verdanken ist denn psychedelischer Infusionen. Größtes Kino, ebenso wie, daran unmittelbar anschließend, das euphorische Rolls Bayce des Warp-Kollegen Hudson Mohawke und, viel früher, Kode9s Africastle. Patrick Mahoney vom LCD Soundsystem macht auch einen guten Job mit My Machine. Die andere Hälfte der Tracks ist völlig solide elektronische Musik aller Genres, Ausfälle sind hier nicht zu finden: Alles wie erwartet, also. Theme Park - Wax EP8. May 2012 / Kategorie: TonträgerDer Begriff Theme Park war und ist für mich doch relativ exklusiv mit Peter Molyneux' gleichnamigen Game-Geniestreich besetzt, 1994, schön bunt und zwei-d, Burgerstand, Pommesstand, Kobrarutsche, Knatschkinder; es war eine Freude, dazu angemessen anspruchsvoll. Und (abzüglich des Burgerstands, des Pommesstands, der Kobrarutsche, der Knatschkinder) der Musik der britischen Newcomer ergo gar nicht unähnlich. Soundtechnisch alles Class of '09 auf der Debüt-EP Wax: Tolle Momente von Passion Pit bis Phoenix dans la maison, der hier abschließend spendierte Kitsuné-Remix des Überhits Milk gibt die Richtung vor gen Hopsassa-Elektro-Pop mit Ohrwurmrefrains. Könnte der Sound des Sommers werden, könnte aber auch, wie in dem Genre leider nicht unüblich, mit einem kommenden mauen Album in die Vergessenheit tanzen. Hier und jetzt und in dieser Kürze aber: Einmal Softeis, einmal Rutschen, einmal Theme Park bitte! "Theme Park - Wax EP" vollständig lesen Coogans Bluff - Poncho Express7. May 2012 / Kategorie: TonträgerIn einer Welt, in der Dutschke noch lebt, R. Wood und R. Stewart den M. Hucknall noch nicht kennen, wo Krieg ist, was du draus machst und Blaxploitation in Mode kommt, in dieser Welt treffen sich zwei Typen. In Rostock. Der eine so: „Haste gelesen? Der Rudi ist letztens seit Jahren wieder aufgetreten.“ Der andere so: „Was? Mir egal, der war mit immer schon zu humorlos. Hab die letzten Tage eh nur „Ooh La La“ aufgelegt.“ Darauf der erste: „Ist das nicht von so einer Anti-Vietnam Band?“ Der andere wieder: „Nee, komm mal runter, das sind die Siebziger. Samstag Bock auf Kino?“ "Poncho Express" erscheint am 25.05. als transparente, limitierte Vinyl, CD oder Download. (sorry für die schlechte Hörprobe. Bessere wird bald nachgereicht..) The 2 Bears - Be strong5. May 2012 / Kategorie: Tonträger Chapeau – so charmant und herzerwärmend kann Charts-taugliche House-Musik sein! Während die Charts derzeit vom platten Einheits-House-Brei a la David Guetta und Martin Solveig dominiert werden und scheinbar vor allem den US-amerikanischen Zeitgeist voll getroffen haben, demonstrieren The 2 Bears mit ihrem Album „Be Strong“ eindrucksvoll, wie klug, sympathisch und frisch poppig ausgelegte Tanzmusik auch sein kann. Leider ist allerdings zu befürchten, dass dieses Nebenbei-Projekt zum Nischendasein verkommen könnte. Dabei enthält das Debüt unter diesem Namen ausschließlich Hits. The 2 Bears sind der hauptberufliche Hot Chip Sänger, Keyboarder und Songschreiber Joe Goddard, sowie der befreundete Produzent Raphael Rundell aka Raf Daddy. Und wie das mit einem Nebenprojekt so ist, fällt der ganze Druck und die Erwartungshaltung, welches an das Hauptding in der Regel gerichtet wird, hier eben einfach weg. Entsprechend locker, unverkrampft und auch lebensbejahend ist das Ergebnis ausgefallen. Die Basis von „Be Strong“ bildet ein flott dahin pumpender House-Beat. Dazu kombinieren die beiden Briten was ihnen so in den Sinn gelangt. Zur Anwendung kommt da nahezu die gesamte Klangbreite von Tanzmusik aus London: Reggae, 2 Step, ein Hauch Soul, Elektropop, Gospel, Pop und vieles mehr. Meist sind die Stücke treibend gehalten, ein paar mal wird aber auch das Tempo gedrosselt und sanfte Melancholie durchzieht die Musik der zwei Bären. „Be Strong“ ist ganz gewiss kein wichtigtuerisches Künstlerwerk. Zudem kommt es komplett ohne die leichte Kantigkeit von Hot Chip aus, zeigt aber durchaus die kompositorische Klasse von Joe Goddard. Es mag sein, dass sich diese Platte vielleicht verhältnismäßig schnell verbrauchen wird, doch für den Moment ist da einfach eine umwerfend ansteckende Leichtigkeit mit eben der bereits erwähnten unglaublichen Hitdichte. www.the2bears.co.uk Albumstream SCSI9 - Metamorphosis21. April 2012 / Kategorie: Tonträger Russland und seine Hauptstadt Moskau wird trotz großer Einwohnerzahl gewiss von kaum jemanden als Hochburg der musikalischen Popkultur wahr genommen. Dennoch verfügt zumindest die Metropole Moskau über eine recht florierende Dance-Szene. Ein paar Künstler von dort schaffen es hin und wieder auch über die Landesgrenzen hinweg für ein wenig Aufmerksamkeit zu sorgen. So hat zum Beispiel vor kurzem Nina Kraviz mit ihrem gelungenen Debütalbum auch bei uns für Aufsehen gesorgt. Und mit „Metamorphosis“ folgt jetzt ein neues Werk von SCSI9. Das russische Duo ist Techno-affinen Leuten sicherlich hinlänglich bekannt. Wer mit dem Sound von Anton Kubikov und Maxim Milutenko noch nicht vertraut ist, wird an dieser Stelle der gute Ratschlag erteilt, hier durchaus einmal ein Ohr zu riskieren. Nachdem sie zuletzt auf Kompakt veröffentlicht haben, erscheint ihr neues Album diesmal auf dem Athener Klik Label. Doch letztlich hat weder die russische Herkunft, noch die griechische Labelheimat musikalisch irgendeine Relevanz. SCSI9 klingen wie immer, nun ja, international. Ihre Tracks, irgendwo zwischen Deep House, Dub Techno und Ambient angelegt, könnten genauso gut in Detroit oder Berlin entstanden sein. „Metamorphosis“ ist ein wundervolles Album, welches trotz aller kühlen Elektronik zugleich von einem warmen Mantel eingehüllt ist. Kubikov und Milutenko versehen ihre Klangwelten also oftmals mit einem etwas verträumten und melancholischen Anstrich. Für den Club ist dieses Album sicher stellenweise geeignet, doch geradezu ideal ist „Metamorphosis“ als Wegbegleiter für nächtliche Autofahrten durch die Stadt. Gesangs-Elemente setzt das Duo eher dezent ein, bei zwei Stücken sorgt allerdings der Österreicher Gregor Ladenhauf für ein kräftiges Maß an Deepness. Bei diesen Dub-getränkten Tracks können durchaus freudige Erinnerungen an diverse Rhythm & Sound Stücke in den Sinn kommen. Das Cover-Artwork von „Metamorphosis“ mag zwar grau sein, doch die Tracks dieses Werks wirken weitaus weniger streng und farblos. http://soundcloud.com/klik-records/sets/scsi-9-metamorphosis/s-M5rIb Xiu Xiu & AU, Kampnagel Hamburg21. April 2012 / Kategorie: Events Ach ach, die Vorbands. Gehste eh nicht hin. Lohnt sich ja meistens nicht. Bisschen später zum Konzert ist auch OK. Kannste vorher noch was essen. Ich erinnere mich noch an einen sagenhaft langweiligen Pantha Du Prince, der für Animal Collective eröffnete, an einen noch untragbareren Porcelain Raft vor M83, an junge, aufstrebende Musiker, die sich zwar mühe gaben aber eben einfach nicht gut waren, vor so vielen Konzerten, die ich in den letzten Jahren besuchte. Und dann stand ich da, zum Glück pünktlich, vor AU. Und schämte mich ein wenig meiner Attitüde. Wunderbarer Avant-Pop, irgendwie experimentell, schwelgerisch, mit spannenden Songstrukturen, dem richtigen Maß an Engagement, kein bisschen überpathetisch. Kein Versuch, das zurückhaltende Publikum zu überzeugen. Zugegeben: hyperaktive Musik fasziniert mich. Noch mehr, wenn sich das auf die Rhythmik, auf das Songwriting begrenzt. Und so sitzen ein toller Schlagzeuger und ein Keyboarder auf der Bühne, spielen leicht introvertiert vor sich hin und machen alles richtig, um den Abend einzustimmen. Ich hatte die warnenden, verheißungsvollen Worte der geschätzten @Wolfseule noch vor Augen. Ich solle auf meine Ohren aufpassen und meist platze auch im Kopf noch etwas, wenn Xiu Xiu auf der Bühne stehen würden. Dann setzte ich mich erst einmal auf die Couch (Ja, der Kampnagel hat eine Couch, wie grossartig!) und hoffte, nicht einzuschlafen. Was mir auf Konzerten durchaus schon passiert ist, im Sitzen. Es ist ja kein schlimmes Aus-Langeweile-Einschlafen, eher so ein wohliges Wegschlummern, das zum Beispiel Fennesz oder To Rococo Rot schon geschafft haben. Xiu Xiu sind erstaunlich laut, zu Anfang. Weniger in Dezibel ausgedrückt denn in Gitarrenverzerrung und anderen Rock-Parametern. Und das, obwohl sie auch zu Anfang Stücke vom eher ruhigen neuen "Always"-Album spielen, Smear the Queen oder Beauty Towne eta. Und "The Fox & The Rabbit" hat eigentlich auch keine derartige Attitüde. Aber Jamie Stewart steht mit einer Gibson SG und zur Hüfte hochgezogenen Arbeiterhosen auf der Bühne und erweckt bisweilen den Eindruck, er wolle sich, rein von der Körperhaltung und Gestik her, bei Sick Of It All bewerben. Dann jedoch beugt er sich auch über das Mikrofon, fast als wolle er eine besondere Form des Liebesaktes vollführen. Mal springt er verrückt, nie aufgesetzt "crazy" über die Bühne, dann wieder einer dieser intimen Momente mit zartem, fast weinerlichen Gesang. Klangspielereien, die im Cresdo bei der aktuellen Single "Hi" enden, auf eine ganz eigene, selbstsichere Weise sympathisch. Selbst das Mikrofonkabel, das sich in einem weiteren spinnerten Anfall um den Hals schlingt macht keinerlei pathetische Suizid-Andeutungen, sondern ist eben verspielt, locker, in sich selbst ruhend. Mein Gehirn ist noch ganz geblieben, aber Xiu Xiu können mit Erwartungshaltungen und Konventionen spielen, dass das übliche Zugaben-Spiel fast schon unpassend wirkt. Was für ein Kompliment, eigentlich. P.S: Jamie Stewart war so unglaublich nett, mir nach dem Konzert noch eben die Setlist herunter zu kritzeln. Hier ist sie also: Fabulous Muscles Smear the Queen Fox and the rabbit beauty town ceremony suha in lust you can hear the axe fall Honey Suckle Joeys Song This too shall pass away Sad pony guerilla girl Hi I luv the valley OK! Frankip Teardrop Crybaby - Crybaby18. April 2012 / Kategorie: TonträgerDas, was dabei herauskommen würde, wenn man in einen soundästhetischen White Cube eine 60er-Jahre-Klangwand einziehen und beuysianisch mit zähflüssigem Schmalz zukleistern täte, wäre sicher etwas ganz anderes als das selbstbetitelte Debütalbum von Crybaby, dem Projekt des Bristoler Songwriters Danny Coughlan. Denn obschon sich hier zartschmelzend gecroonte Herzschmerzballaden aneinanderreihen, die in jeder Dimension tief in Tradition Roy Orbisons oder Phil Spectors stehen, geht Crybaby über das bloße Pastiche hinaus, nicht im Sinne der Pop-Transavantgarden, sondern eher so, wie Kitty, Daisy & Lewis Musik machen. Dabei denkt sich hier automatisch Twee-Pop mit, die Smiths, Shoegaze, oder aktueller: Jens Lekman. Tollerweise sind das alles irrelevante Überlegungen, wenn eine erste Zeile I cherich the heartbreak / more than the love that I lost lautet. After all ist dieses Album nämlich einfach eine wunderbar melancholisch-romantische Kitsch-Wundertüte, die sowohl mit Augenzwinkern und Abstand als auch ohne musikhistorische Fußnoten und ganz unmittelbar funktioniert, letzteres wahrscheinlich sogar besser. Hooded Fang - Tosta Mista16. April 2012 / Kategorie: TonträgerMagisterschlussstress geplagt, verbrachte ich neulich eine kurze Auszeit, nicht, wie in meiner Generation üblich, in den heißesten Party-Metropolen des Kaukasus oder den abgelegensten Tälern der Philippinen, sondern schön provinziell in Berlin und auf Usedom, eben dort, wo sich Altnazi und Jungnazi leise 'Heil Hitler' flüstern, bevor sie in ihre grauen Eigenheime mit - Achtung, Slang! – 'FeWo' im Keller ('Haus Traute Heimat', 'Haus Vineta', 'Haus Klabautermann' etc.) huschen. Wo die Wellen der Ostsee friedlich an den Strand plätschern, wo der Wind fegt und die Kiefernwälder grünen. Wo die Windsurfer länger auf die Wogen warten als anderswo. Dort sollte man Hooded Fang hören. Denn die machen Musik, als läge Kalifornien am Mare Balticum: Ein wenig kälter, ein wenig weniger prächtig, die Sonne stets ein wenig verblasst. Surfmusik, die produziert ist wie in den goldenen Zeiten, schön klirrend und trocken, und sogar mit Retro-Spielzeit: Sieben Songs, drei kurze Zwischenspiele, 23 Minuten dauert Tosta Mista. Länger hat's früher auch niemand gebraucht. Zu bemängeln lediglich: Ganz so leidenschaftlich wie die zeitgenössischen Boys & Girls aus der scheinbar deprimierenden Dauersonne, genannt seien Wavves und Best Coast, hauen die Kanadier ihren garagig-psychedelisch verbändelten Pop nicht raus. Und die Songs leider auch nicht immer so richtig rein. Spätestens mit dem pomadigen Den of Love schwofen dann aber auch 'diesen kleinen Tümpel' verfluchende Surfer des Abends zufrieden über den Ostseestrand. "Hooded Fang - Tosta Mista" vollständig lesen You Slut! - Medium Bastard13. April 2012Zur Vorbereitung auf dieses Album kann man viel versuchen. Zum Beispiel nochmal "At the Drive In" hören oder mit bunten Murmeln spielen gehen. Ich aber hörte mir Tracks von The Minibosses an. Darunter befinden sich zum Beispiel die Themes des Nintendo Spiels Megaman 2. Zu hören gibt's allerdings kein Midi-Gedudel, sondern Gitarre, Bass und Schlagzeug, die die "Level Select"-, "Start"- oder "Airman"-Theme neu interpretieren. How nerdy can you get? Danach also das Zweitwerk von You Slut! "Medium Bastard" (welch grandioser Albumname!). Nicht halb so rau gemischt wie ihr 2007er Debüt "critical meat" aber vielleicht doppelt so verzahnt schlagen die Briten musikalische Haken ohne dabei sonderlich prätentiös zu klingen. Eher verspielt und, hmm, gemein! Ja, ein gemeines skeletternes Mathcore-Album! Zwischen meinen Favoriten "Elton Chong", "Hiya Higher Hire" und "Plural Sex" gibt's dann aber noch so viel mehr zu hören, dass einem dafür die passenden Gelegenheiten auszugehen scheinen. Ein gutes Zeichen? Aber geht man nun zurück zum Thema Midi-Gedudel, scheint es fast, als wäre nach Jahren der Genre-Häutungen und Band-Kapriolen endlich klar, dass eine gewisse Posthardcore-Musikergeneration ihre musikalische Früherziehung an den alten Spielkonsolen genoss. Und dies musste unwillkürlich Auswirkungen auf ihr eigenes musikalisches Schaffen haben. Denn neben Struktur und Präzision haben frühe Nintendo Soundtracks und heutige progressive Math-Alben noch etwas gemeinsam: beide klingen am Anfang immer, als kämen sie aus der Zukunft. Mit dem Spiele-Schwierigkeitsgrad „Medium“ war übrigens früher schon kein Blumentopf zu gewinnen. Aber so wissen wir, dass You Slut! das nächste Mal im Hard-Modus starten werden. Das ist ein gutes Zeichen! Album als Download, Vinyl und CD ab 14. Mai erhältlich. Veröffentlichungstermin ist der 14.05.! Daniel Rossen - Silent Song / Golden Mile EP9. April 2012 / Kategorie: TonträgerEines der letzten Lebenszeichen Daniel Rossens war eine Reihe von auch für Liebhaber_innen von Hatschi-Katzen-Videos kompatiblen Camcorder-Clips, in denen der kindergartenalte Grizzly Bear in spe tanzte, als jage ihn der leibhaftige Elvis. Was dabei gelernt werden durfte: Rossen will wohl einfach kein Star sein. Sonst wäre er es doch schon längst. Und würde nicht solche rubinroten Edelstein-EPs bei Warp veröffentlichen. Die Vermutung von Pitchforks Lindsay Zoladz, Rossen werde noch der George Harrison der Brooklyn-Szene, hat da einiges für sich – nicht zuletzt musikalisch: Silent Song / Golden Mile begrüßt mit Abendsonnenfluten. Rossen erfindet sich solo also nicht neu, presleyanischer Hüftschwung: Fehlanzeige. Wie in seinen Projekten Grizzly Bear und Department of Eagles hält eine folkig-warme Atmosphäre gefangen, die aber, statt ins Gefällige abzudriften, stets herausfordernd arrangiert und knapp am Naheliegenden vorbei komponiert ist, nicht als Nachbau, sondern als Kommentar zum Songwriting der Sixties. Den ganz großen Hit freilich hat die EP nicht aufzubieten, keine die Sicht versperrende Großtat. Atmosphäre und Klang sind hier die Schlüssel: Man muss wohl ein wenig in diese Songs hineinkriechen, um Ecken hören, vergrabenen Linien folgen, um ihre ganze melancholische Pracht zu finden. "Daniel Rossen - Silent Song / Golden Mile EP" vollständig lesen Addison Groove - Transistor Rhythm1. April 2012 / Kategorie: Tonträger Gleich vorweg: Das hier ist Musik für „richtige“ Anlagen und nicht für Abspielgeräte klangreduzierter mp3-Datensätze! Mit dem Addison Groove Debüt bekommt der Hörer kein fricklerisches, komplex arrangiertes Electronica-Album, sondern eine eher raue und dreckig gefärbte Verneigung vor tiefen Klangwellen und -welten vorgesetzt. Und damit sollte der neueste Longplayer auf Modeselektors „50Weapons“ Label eben auch entsprechend physisch gespürt werden. Addison Groove ist das neue Projekt des Engländers Antony Williams, der bislang unter dem Namen Headhunter als Dubstep Produzent auf dem Tempa-Label in Erscheinung getreten ist. Dubstep ist hier zwar wie Techno oder Electronica-Spielereien a la Warp auch zu hören, doch Williams setzt mit seiner Platte vor allem auf zentnerschwere Bässe und huldigt damit besonders Genres wie Dancehall oder Miami Bass. Doch letztlich sind es nicht die Genre-Bezeichnungen, die dieses Album auszeichnen, sondern die durchaus sinnliche Erfahrung, wenn „Transistor Rhythm“ laut gehört wird. Antony Williams baut keine eleganten Klangflächen, sondern verleiht seinen Stücken oftmals einen leicht trashigen, ravigen Spin. Erwischt einen diese Musik auf dem falschen Fuß, dann kann das UK-Bass-Rave-Gemisch mit seinen repetitiven Gesangsspuren und den grellbunten Signal-Sounds ganz schön an den Nerven sägen. Doch die Platte mit den eher hyperaktiven Stücken hat im richtigen Moment durchaus das Potential eine kräftige Sogwirkung zu erzeugen. Dann kommt das Bass-Spektakel richtig auf Touren. Antony Williams beherrscht es famos Sounds zu zerstückeln und neu zusammen zu setzen. Dabei gleitet er niemals in Richtung Übertreibung ab, sondern bleibt eher minimalistisch. Bei zwei Stücken ist Spank Rock zu hören und einmal arbeitet Antony Williams mit Mark Pritchard zusammen, der letztes Jahr mit seinem Africa Hitech Album auf Warp auch ganz gezielt den Bass in Szene gesetzt hat. Auf Albumlänge kann „Transistor Rhythm“ mit seiner Hektik und dem Dauerfeuer zwischendurch schon ein wenig ermüden, doch letztlich vertreiben die wummernden Bässe wieder alle missmutigen Gefühle. http://soundcloud.com/addisongroove http://www.facebook.com/addisongroove This Love is Deadly – This Love is Deadly27. March 2012 / Kategorie: TonträgerOh, was war der musikalische Jahresbeginn angeblich "blutleer". Vielleicht hätten The Strokes einfach ein Entschuldigungs-Album hinterher werfen sollen? Kostenlos, versteht sich. Oder Lana Del Rey (einige erinnern sich noch) vielleicht gleich die Klappe halten? Was grade beim Gewese um letztere Musikerin trotzdem auf dem Tisch blieb, war nicht nur das Heinz Rudolf Kunze Best of, welches es nach 30 Jahren Heinz' Zeit "im Musikgeschäft" immerhin auf 14 Liedchen geschafft hat. Auch die deftigen Spitzen des Berliner Schnellstraßen-Rocks von "This Love is Deadly" gingen bei vielen Medienmachern wegen seiner aufregenden musikalischen Qualität mal nicht direkt zum Ankauf des örtlichen Plattendealers über. Verpasst hätte man nämlich Songs wie "Everything is Nothing", "Wasting Time", "Need Your Touch" oder "Sweet Dependency" und "When You Come". Tja, und das wären auch schon 50% des Albums. Allesamt gesund gezerrte Streikbrecher für den Start ins Jahr 2012 gewesen - sämig bis noir, irgendwo zwischen Spleen Spirit und Armbreak Hotel. Darüber, welche Größe nun genau das Gaspedal dieses Sounds in den 90ern blockierte, sollen aber andere streiten. Wer früher nie auf Dinosaur Jr. stand, das aber nicht mehr zugeben mag, weil die seit 2007 wieder viel zu In sind, heute aber auf jeden Fall freiwillig GIRLS hört, und danach immer direkt Yo La Tengo anmacht, der sollte "This Love is Deadly" schon längst auf dessen Nieren überprüft haben. Herz ist da auf jeden Fall drin. Nur über die Singleauskopplung könnte man noch meckern: Die nächsten Tage auf Tour: 28.03.2012 - Ilses Erika, Leipzig 29.03.2012 - Schokoladen, Berlin 21.04.2012 - Glad House, Cottbus 02.06.2012 - Altra Vox Open Air, Chemnitz 05.06.2012 - Cafe Glocksee, Hannover Seventeen Evergreen - Steady On, Scientist!21. March 2012 / Kategorie: TonträgerSeventeen Evergreens zweites Album Steady On, Scientist! ist pures POP-Re-Enactment, als stülpte man einfach die quitschigste Wundertüte über ein Aufnahmegerät und lasse mal aufnehmen: Ein paar Spuren China-Beatles, ein paar Spuren Taiwan-Kraftwerk und Disneyland-NewOrder - fertig sind die Shanzhai-MGMT! Nein, unter den Klangschichten dieser Psycho-Elektro-Böller lassen sich keine mystischen, unendlichen Tiefen erahnen, vielmehr fühlt man sich an den berühmten Ausspruch Freddie Mercurys erinnert, der seine Musik als Einweg-Produkt sah, an dem man eine Zeit seine Freude haben konnte, bevor man es wegwirft. Das wird bei Seventeen Evergreen, da bin ich sicher, doch wesentlich schneller der Fall sein als bei Queen-Songs - mein Zuckerlevel war schon beim dritten Hören leicht überschritten. Bis es soweit aber ist, sollte man sich durchaus erlauben, die bisweilen zwischen fein gesponnener Songkunst und grob geklotzem Bratzen unentschlossenen, allesamt aber doch gekonnt sonnig inszenierten, melodie- und beatseligen Stücke mit einem breiten Frühlingsgrinsen zu begrüßen. Es ist ein Schwunder passiert. (Offener Brief)19. March 2012 / Kategorie: Reportagen
Liebes Problembär Records,
lieber Broken Silence Vertrieb, lieber Hoanzl Vertrieb, Danke! Ihr habt mir ein Geschenk gemacht. Wie das geschehen konnte? Na, vor 52 Tagen bestellte ich im (letzten) Plattenladen meiner Stadt eine Problembär-Schallplatte ('Schwunder' von „Nino aus Wien“), die ich heute endlich erhielt. 52 Tage klingt ganz schön lang. Warum das so lange dauerte? Die Antwort müsste lauten: ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich in diesen 52 Tagen durchlebte, was vor vielen Jahren noch ganz normal war, glaube ich. Man sagte mir, es würde ein bis zwei Wochen Lieferzeit schon brauchen. Aber Pustekuchen. Wie war das mit dem digitalen Zeitalter noch gleich? Nach 7 Tagen dachte ich zum ersten mal wieder an meine Bestellung. Ich sollte per SMS über die Ankunft informiert werden. Hier begann das Warten. Ich war sicher, die Platte zum Ende der nächsten Woche in meinen Händen zu halten und dann irgendbald darauf aufzulegen.. Nach 21 Tagen fing ich an, mir „leichte Sorgen“ zu machen und erwog die Möglichkeit, mal im Laden vorbei zu schauen ... natürlich nur, um mal „gaanz entspannt“ nachzufragen. Tat ich dann doch nicht und fands befriedigender, mir Musik vom Nino-Album auf YouTube immer wieder anzuhören und ziellose Recherchen zur Band zu betreiben... Amadeus Nominierungen... auch interessant die Gruppe „Kreisky“. Vielleicht SPÖ-nah. Nach 28 Tagen begann ich dann bei Kneipengesprächen irgendwann das Thema auf meine Plattenbestellung zu lenken, und mich zu echauffieren über diese lahmen Transportwege. Und dann alles nur für diesen schmächtigen Kerl aus Wien, der im Übrigen … und außerdem ... aber trotzdem...! Einige konnten mich verstehen und ich empfahl ihnen dafür Ninos Debüt „The Ocelot Show“. Danach gabs Schnaps. Nach 35 Tagen erste zittrig-pragmatische Überlegungen. Distanz zwischen hier und Wien: 818km. Fährt man über Prag, verlängert sich die Strecke um 39 Minuten Reisedauer – ohne die österreichischen Klischees eingerechnet zu haben. Und was wenn die Platte im Zoll feststeckt? Denn: Wien liegt ja gar nicht in Deutschland. Da wurde mir erst bewusst: Ich hatte im Ausland bestellt. Das erklärte und entschuldigte einiges ... aber beunruhigen konnte es nur wenig. Tagträume, in denen ich in Wiener Hinterhöfen im Müll einer gewissen Platte nachspüre, häuften sich bis dahin trotzdem. Nach 42 Tagen dann endlich ein persönlicher Durchbruch. Ich rief ungeduldig im Plattenladen an: „ich weiß, ihr würdet mir eigentlich ne SMS schicken, aber...“, ging wenig später persönlich hin: „ich weiß, ich hab gestern schon angerufen, aber...“, und ging wenig später wieder hin: „ich wollte nur noch mal gaanz kurz fragen ob, ...“. Und jedes Mal Absagen. Und jedes Mal wuchs das dumpfe Begehren nach dieser verdammten Musik – Ninos Song „Plurabelle“ konnte ich längst auswendig. ![]() Aber dann! Nach 51 Tagen! Das Handy vibriert, es unterbricht meine schwelende Agonie, mein seelisches Fingernagelkauen. Und ich lese: „Hallo. Die 'Nino aus Wien' lp kann jetzt abgeholt werden :)“ Ganz “cool“ gelang es mir, meine allgemeine Empörung und Ehrverletzung hinter ungewollt großen Kinderaugen zu verbergen, meine offenen Fragen und inneren Widersprüche, gegeneinander weg zu dividieren, und überzogene Schuldzuweisungen und durchstandene Krisen letztlich als Sieg des Charakters zu verbuchen, als ich am Tag darauf beim Betreten des Plattenladens mit dem inzwischen stark zerknitterten Abholschein winkte. Natürlich war ich der erste Kunde des Tages. Und da war sie dann. Die Verkäuferin musste selbst schmunzeln „“Nino aus Wien“? Ach, diiee, jaa.“ und schob mir grinsend das Album über die Theke. „Macht dann 19,90 Euro.“ Ich wusste, dass vor 52 Tagen ein anderer Preis abgemacht war. Ich wusste, dass da was drauf geschlagen wurde. Aber das war in diesem Moment der Glückseligkeit ja egal. Es war auch egal, dass die Papphülle schon ein, zwei Macken hatte – vielleicht hat ein tschechischer Zollbeamter kurz drauf gesessen? - , und auch egal, dass die LP offensichtlich ohne Booklet geliefert wird. Und auch das LP Inlay war ein einfaches Papier-Inlay, und wirkte so schmucklos wie die Platten in Flohmarkt-Plattenkisten. Und auch war egal, dass es da gar keinen Download Code gab, und ne beigelegte CD des Albums sowieso nicht... Alles egal. Hauptsache mitnehmen jetzt. Und ich wusste: ich würde alles das wieder machen. Wie früher. Und nichts konnte ihn stören, den perfekten Heimweg … in diesem Sinne. glückliche Grüße, euer Lukas Lassonczyk Grimes - Visions19. March 2012 / Kategorie: Tonträger In Zusammenhang mit „Visions“, dem Album-Debüt von Grimes auf dem englischen 4AD-Label, gibt es mitunter viele wüste Standortbeschreibungen und Schubladen-Sperenzchen auf Musikseiten und -blogs zu bestaunen. Da reichen nun also die gängigen Chillwave-, Witchhouse- und Post-sonstnochwas-Verortungen beileibe nicht mehr aus. Die geschaffenen Genre-Neutitulierungen sind hierbei teilweise sogar kreativer als die zu hörende Musik. Daraus der Künstlerin Claire Boucher einen Vorwurf basteln zu wollen, wäre natürlich Unfug. Die junge Kanadierin wird von diesen Hype-Spielchen und dem damit verbundenen Aufmerksamkeitssegen vielleicht sogar etwas profitieren. Fakt ist jedenfalls, dass „Grimes“ ein Album ist, welches sich durchaus aus rückbesinnlichen Elementen speist, aber gleichzeitig auch im Hier-und-Jetzt angesiedelt ist. Dieses Spannungsfeld zwischen Alt und Neu lässt wohl das wilde stilistische Verorten-wollen erklären, da keine existente Schublade so richtig greift. Ist „Visions“ damit tatsächlich ein aufregendes und vielleicht sogar wichtiges Album geworden, weil es doch irgendwo neu ist? Die Zeit wird es zeigen. Die Witchhouse-Vergleiche gibt es wohl am häufigsten zu hören. Und ja, Claire Boucher fährt durchaus ein wenig Goth-Ästhetik auf. Geisterhaft schwebt ihre dünne und naiv klingende Stimme durch den düster getrimmten Songreigen. Auch ihr selbstgestaltetes Album-Artwork mit Totenschädel lässt mehr an Gruftgesänge als auf Bubblegum-GirlPop schließen. Doch genau das ist „Visions“ an einigen Stellen auch. Dann, wenn ihr heliumartiger Gesang auf bunte Elektronikspielereien und eingängige, durchaus süchtig machende Melodiebögen trifft. „Visions“ ist durchzogen von hypnotischen Elementen, stampfenden Beats und dunklen Bässen. Boucher lässt sich für ihr Grimes-Projekt von elektronischer Tanzmusik, von Indiepop, aber vor allem auch von R&B inspirieren. Alleine mit dieser stilistischen Bandbreite setzt sich die Kanadierin deutlich von der oft mir ihr in den Topf geworfenen Zola Jesus ab. Grimes kennt weniger sakrale Sound-Schnippsel und vor allem viel weniger Pomp. Und im Gegensatz zu den beiden Alben von Zola Jesus lassen sich die Songs auf diesem Album deutlich auseinander halten. Viel eher erinnert Grimes hin und wieder, falls wirklich ein Vergleich genannt werden soll, an die Klangästhetik von The Knife – nachzuhören auf z. B. „Visiting Statue“, einem Elektropop-Song mit treibenden Beats und fernöstlich anmutenden Klängen. Claire Bouchers Album ist kein glattpoliertes, ausbalanciertes Werk geworden. Vielmehr hält sie den Charme und die Ästhetik einer DIY-Produktion aufrecht. Entstanden ist ihr Album angeblich innerhalb weniger Wochen unter isolierten Bedingungen. Wie auch immer, Grimes steht mit dieser Platte jedenfalls gleichzeitig für Zitat-reiche Musik, aber ebenso für frische Ideen und neue Brücken. Mit den eher düster angehauchten Stimmungen auf „Visions“ reiht sich das Album übrigens recht stimmig in die 4AD Diskografie ein, die ja zumindest in den Anfängen eher für dunklere Musik stand. www.grimesmusic.com 4ad.com/artists/grimes
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