White Rabbits - It's Frightening31. Januar 2010 / Kategorie: TonträgerRhythmus, führt die feministische Musiktheoretikerin Susan McClary aus, erscheint dem Weißen Popkulturmainstream als bedrohlich, weil er in seiner potentiellen Körperlichkeit, Sinnlichkeit hegemoniale Männlichkeit in Frage stellt - im Gegensatz zum klassischen Musikkonzept von Harmonie, Melodie und Kadenz, das mit dem Klimax-Prinzip patriarchal-sexistischen Weltbildern musikalische Entsprechung liefert. Dichotom entwickelte sich so seit dem Beginn der Neuzeit das Stereotyp der männlichen Weißen Musik und das der femininisierten Schwarzen Musik – und besteht bis heute fort. 2007 beklagte Sasha Frere-Jones in seinem vielbeachteten A Paler Shade Of White das vollständige Verschwinden der (Schwarz konnotierten) Rhythmik aus dem Indie-Rock zugunsten regressiver Harmonien, ausgeführt am Beispiel Arcade Fire und Grizzly Bear. Heute muss diese These wiederum in Frage gestellt werden, erlebt der Rhythmus doch gerade ein Comeback sondergleichen, das einerseits durch die Ethnisierung (im Moment vor allem: Afrikanisierung) der Popmusik, andererseits durch die Wiederentdeckung (oder besser: Wiederbeachtung) rhythmischer Strukturen in traditionellen Indie-Ästhetiken vorangetrieben wird. Eine Band wie die White Rabbits könnte diese Annahme bestätigen. Rhythmus ist das prägende Element des Zweitwerks der Brooklyner, ein Rhythmus aber, der ohne Exotismus auskommt, der eher im Urbanen andockt. Percussion Gun heißt der Opener, und: Faust aufs Auge. Druck ist gar kein Ausdruck für das, was die beiden Drummer hier erzeugen, selbst das prominent gesetzte Klavier liefert eher rhythmische Klangfragmente als geschlossene Melodien. So faszinierend dieses Klangbild (der Tontechniker Nicholas Vernhes arbeitete zuvor mit Deerhunter, Animal Collective, den Dirty Projectors) sich allerdings auch darstellt: Zwischen den durch die Songs delirierenden Melodiefetzen von Piano und Gitarre, den wunderschönen Harmonien und dem manischen Klatschen der Rhythmik bleiben immer wieder Löcher bestehen, die durchaus dazu verleiten könnten, die Aufmerksamkeit etwas ganz anderem zu schenken als den dunklen Sehnsüchten der White Rabbits, die mir außerdem, davon ganz abgesehen, manchmal arg ins Colplayeske zu schielen scheinen. Tommy Finke - Poet der Affen / Poet Of The Apes30. Januar 2010 / Kategorie: Tonträgerwww.tommy-finke.de Tommy Finke auf www.roofmusic.de Hot Chip - One Life Stand24. Januar 2010 / Kategorie: Tonträger10.03.2010 - Köln - Live Music Hall 11.03.2010 - Hamburg - Uebel & Gefährlich 12.03.2010 - Berlin - Astra Kulturhaus 14.03.2010 - Frankfurt - Mousonturm www.hotchip.co.uk Get Well Soon - Vexations22. Januar 2010 / Kategorie: TonträgerKostenloser Download von "Steps/7Swords" "Get Well Soon - Vexations" vollständig lesen Brendan Adams14. Januar 2010 / Kategorie: TonträgerDas Ende der Plattenkritik9. Januar 2010 / Kategorie: NeuigkeitenApse - Climb Up6. Januar 2010 / Kategorie: TonträgerIm Titel schon manifestiert sich die Richtung des neuen Releases der (weißen & männlichen, mal wieder) Band Apse aus Connecticut. In den letzten Stücken hebt sich Climb Up zu so etwas wie einer Idee von purer, fließender Schönheit, das Finale ist Euphorie gewordener Post-Rock im Songgewand. Dabei liegen die Wurzeln der Gruppe eher in nachtschwarzen Atmosphären von Drone-Metal und Industrial-Ambient; Ästhetiken, die auch auf dem Nachfolge-Album des 2006 hochgelobten Spirit immer wieder durchbrechen. Es sind nicht ihre stärksten Momente, genausowenig wie die im Kontext beinahe poppigen, die Mogwai bis Broken Social Scene ins Gedächtnis rufen. Ihre stärksten Momente flackern immer dann auf, wenn Apse sich ganz der schwarzen Hypnose hingeben, eine postmoderne Psychedelik entfalten, die nichts vom Wälzen in Grasblättern hat, sehr viel aber vom unguten Zischen, das sich etwa dort findet, wo Pink Floyd 1972 ihr Careful With That Axe, Eugene nachts im toten Theater von Pompeji spielten, umgeben von Mosaikfratzen und Marmorschemen. In diesem verführerischen wie bedrohlichen Fließen ist Climb Up ein bemerkenswertes Stück Musik. Tunng: Neues Album "And Then We Saw Land" im März6. Januar 2010 / Kategorie: Neuigkeiten Yippiejayeah, endlich mal wieder ein echoes-Beitrag, der nicht verbiestert klingt wie ein Adorno-Seminar in hell – und der Anlass erst! Eines der schönsten kleinen Alben des tollen Sommers Null-Sieben kriegt also endlich einen Nachfolger - die Folktronica-Magier_innen von Tunng haben sich wieder heimlich des nachts in den Bohème-Kindergarten (oder wo auch immer dieser Sound entstehen mag) eingeschlichen, um mit And Then We Saw Land ein Album einzuspielen, dass zumindest in der Covergestaltung eher an die Frühzeiten anknüpft als an das knallbunte Weirdo-Pop-Wunderwerk Good Arrows. Zu solcher Musik geht wohl die Sonne auf, ist mir damals glatt entfahren bei der ersten Begegnung auf dem Haldern, und das würde ich auch nach wie vor unterschreiben. Ach, mittlerweile weiß ich das ja auch. Erscheinen wird And Then We Saw Land am 1.März 2010 über Full Time Hobby.
Rothkamm - ALT2. Januar 2010 / Kategorie: TonträgerBoris Groys: Das avantgardistische Kunstwerk ist eben dasjenige, das seine eigene ästhetische, historische, politische und sonstige Kontextualisierung explizit in sich selbst reflektiert. Wenn man von einem avantgardistischen Kunstwerk den Kommentar abzieht, dann bleibt eben ein sehr traditionelles Kunstwerk übrig. Das avantgardistische Kunstwerk ist in der Tat kommentarbedürftig, aber nicht um ein Kunstwerk, sondern um avantgardistisch zu sein. Der Kommentar ist [diesen Kunstwerken] also nicht äußerlich, sondern ein integraler Teil dessen, was aus ihnen interessante, moderne, avantgardistische Kunstwerke macht - Frank Rothkamm ist sicherlich ein Künstler, der mehr (aber nicht aussschließlich) über die Idee funktioniert als über ästhetische Rezeption, der Theorie kreativ werden lässt. Werke wie die Variationen über die ersten zehn Töne der Spongebob-Schwammkopf-Titelmelodie (Opus Spongebobicum, 2008) oder sein Manifest der Supermoderne (The plan for the pure and applied electronic music of supermodernism calls for the randomization of man and machine, so that the boundary between them won't be told with certainty and the randomization of music and time, so that no absolute placement in linear historical terms can be made), das zeugt von Ironie und Ernsthaftigkeit, Bewusstsein und Spontaneität, Kunst und Künstlichkeit, Radikalität und Pop, von Möglichkeiten, realen Möglichkeiten; das ist schon als Konzept wichtig und soll gar nicht weiter paraphrasiert und folglich verharmlost werden, das muss man nichtmal hören, es reicht, dass es das gibt. Die Verfahrensweise bei ALT, dem Album, um das es hier nun geht, wird von Rothkamm, und damit soll der Zitatmarathon zu Ende gebracht sein, beschrieben als iterative procedures on physical machines (as opposed to a linear process in software). Once the process is in motion, no or minimal intervention takes place. Each piece on ALT has the same premise: to create an infinity machine, a deus ex machina, to experience an infinite process in a finite amount of time. Davon zeugt schon die Tracklist, die mit AAA beginnt und mit CON endet - Soundschleifen, die gleichzeitig Ideen sind, die gleichzeitig etwas ganz anderes sind, Schwarze Löcher, in denen Raum und Zeit aufgehoben sind, ein Mehralssound, ein reflektierend kreisendes Paradox; am tollsten aber: Es ist nicht nur Abstraktion, sondern auch trivialer Genuss. ALT ist nämlich, bei allem theoretischen Background der Musik und des Künstlers, ein überaus klangreiches, harmonisches, spannendes Ambient-Elektronik-Album geworden. (Zitat Boris Groys: Der Pop-Geschmack; in: Grasskamp u.a. (Hrsg.): Was ist Pop. 10 Versuche, Frankfurt/M. 2004, S.101) Helgi Jonsson - for the rest of my childhood28. Dezember 2009 / Kategorie: TonträgerWenn man die Geschichte des Jahrzehnts auf diese Weise erzählen wollte, dann beginnt es mit Sigur Rós – es mit Helgi Jonsson, der die Isländer als Posaunist ins Studio und auf die Bühne begleitet hat, der selbst als Isländer den Island-Sound pflegt, ausklingen zu lassen, ist nur konsequent. Ágætis Byrjun hieß das Album, das im Jahr 2000 einen Klang neu erfand. Indeed, since Ágætis Byrjun was one of those records that filled a deep-seated need listeners didn't even know they had, experiencing it was at first a little confusing. Punk had taught us to be skeptical of pure, unapologetic prettiness, so as underground music fans, we'd been conditioned to reject this sort of thing. We were used to it being cut with noise, irony, or emotional distance, which left us unprepared for exquisitely crafted music that asked to be appreciated in the same way as a bright orange sunset or the first snowfall of the season, schreibt Mark Richardson im Nullerrückblick für Pitchfork, wo das Album als achtwichtigstes des Jahrzehnts gelistet ist, knapp hinter den Strokes. Er bringt damit auf den Punkt, was die Faszination dieses majestätischen Klangbildes ausgemacht hat, damals, als von New York – in mehrfacher Hinsicht - noch keine Rede war. Gleichzeitig beschreibt er aber auch die Unmöglichkeit, das Gefühl wiederholen zu können, das diese Musik – bei mir war es kurz darauf ( ), das mich ähnlich umgeworfen hat – einmal ausgelöst hat. Ein Jahrzehnt ist vergangen seitdem, der Spiegel betitelte es unlängst als das verlorene, obskur wie immer, welches wäre nicht verloren gewesen; ein Jahrzehnt also, das von vorne bis hinten eingeimpfte Krise war, aber was heißt das schon. Der Unterschied ist vielleicht der: Während die No-Future-Generation als Punk-Protagonist tatsächlich keine Zukunft sah, ist uns die Zukunft allzu bewusst – das Wissen, dass es immer weitergeht. Wir haben das eschatologische Bewusstsein verloren, obwohl uns reale Weltuntergangsszenarien bewusst sind wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Gleichzeitig ist das Gefühl verloren gegangen, dass sich Zeit, Welt, Leben stringent darstellen ließe. Die Welt hat ihre Tagesschau-Haftigkeit verloren, ist keine Abfolge von Ereignissen, die sich größtenteils aus Treffen von Männern in Anzügen oder Camouflage zusammensetzen. Es ist bewusst geworden, dass Leben ein unendliches Nebeneinander, Überkreuz und Parallel ist, dessen Relevanzen erst verteilt und balanciert werden müssen. Wir haben uns vom Konzept logischer Abfolge verabschiedet, vom Konzept Konsequenz, vom Konzept der Originalität, der Authentizität, schließlich vom Konzept Szene, dem Konzept Hype, dem Konzept Trend, die Spex letztlich völlig zurecht von der Sackgasse herkömmlicher Plattenkritik. Gegenüber dem oszillierenden Weltverständnis, das da auf uns zukommen könnte, wirken Chaplins Moderne Zeiten, wirken die Ideen des Poststrukturalismus wie der Nichtangriffspakt von Gijón, die Polyphonie der Brooklyn-Szene als holistisches Klangbild. Gegenüber dem, was da kommen könnte, müsste, in Kunst, Musik, Literatur, wissenschaftlicher Darstellungsweise, Film, Wahrnehmung, erscheint Burroughs Cut Up wie ein gottverdammter Haiku. Wir werden den Splitter feiern, die Zersplitterung, das Als-Ob und den inneren Widerspruch. Wir rasen, aber wir wissen, dass es kein Ziel gibt, keinen Höhepunkt, dass nicht der Weg, sondern die Geschwindigkeit das Ziel ist. Wir werden den Futurismus links überholen. In erster Linie aber werden wir Sigur Rós nicht mehr so hören können, wie wir es können wollen. Eskapismus ist keine Hilflosigkeit, sondern ein Talent, das wir nicht gepflegt haben, weil das Verkümmernlassen angemessen erschien. Insofern ist Helgi Jonsson auf For the Rest of My Childhood, dessen Cover von Alex Somers (of Jonsi&Alex-Fame) gestaltet wurde, die richtige Stimmung geglückt, um diesen regnerischen Winter zuhause im Warmen genießen zu können (wo aber findet das denn statt außerhalb von maroder Plattenkritik?). Eine runde, wunderschöne, konservative, gerade in ihrem autobiographischen Anspruch anachronistische Platte ist das geworden, eine Stimme im Diskurs, freilich, aber eine, die überhört werden wird, weil sie nichts abbilden kann außerhalb des privatistischen Versuchs, Zerbrochenes zusammenzuhalten. Das ist ein bisschen schade und ein bisschen gut, das ist ein bisschen einfach so. In zehn Jahren werden wir es vielleicht wieder lieben, diesen Klang, dieses sich Hingeben in abgehangene Melancholie. Für’s erste aber bleibt, wie immer, die Hoffnung auf das Neue. Euch allen einen tollen Jahreswechsel und einen guten Start in die Zehner! Vic Chesnutt 1964-200926. Dezember 2009 / Kategorie: oder so![]() [mp3] Vic Chesnutt - Ruby Tuesday (Stones-Cover, live mit A Silver Mt. Zion und Guy Piciotto 2007) Dass ich einmal um zwei Uhr nachts noch einen Eintrag hier verfassen muss, und dann noch so einen. Seit gestern Nacht war bekannt, dass Vic Chesnutt nach einem Selbstmordversuch im Koma liegt. Vor wenigen Stunden ist er verstorben. Vic war mir, irgendwie, ich weiß nicht genau warum, einer der wichtigsten musikalischen Begleiter der letzten Jahre; ein Konzert habe ich erleben dürfen, und es war eines der größten, bewegendsten, fragilsten. Dass diese Geschichte so endet: Wie immer hat es in der Luft gelegen, in der Lakonie, mit der Chesnutt Depression zu Musik werden ließ. Vielleicht ist es bei aller Sprachlosigkeit über diesen Tod auch darum ein ganz anderes Gefühl, dass sich da Bahn bricht: Danke, Vic, für's Durchhalten, danke für's Mitnehmen. Das erstmal, vielleicht bald mehr an anderer Stelle, oder auch nicht. DVD: This Is Spinal Tap. 25th Anniversary Edition (Rob Reiner)16. Dezember 2009 / Kategorie: oder soThe Happy End15. Dezember 2009 / Kategorie: NeuigkeitenThe Happy End - Polarbear from The Happy End on Vimeo. DJ Spinna - The Boogie Back – Post Disco Club Jams29. November 2009 / Kategorie: Tonträger"DJ Spinna - The Boogie Back – Post Disco Club Jams" vollständig lesen Kent - Röd28. November 2009 / Kategorie: TonträgerKent kenne ich ehrlich gesagt überhaupt nicht, und da das vielen so gehen dürfte: Gegründet 1990, erstes Album 1995, etliche Nummer-eins-Hits in Schweden, zwischenzeitlich Karriereträume mit eigens für den internationalen Markt eingespielten englischsprachigen Alben um die Jahrtausendwende, lokal begrenzte U2-isierung inklusive Benefiz-Singles und Stadionkonzerten – genau die Bandbiographie also, die ja schon miterzählt, wie die Musik klingt: Ins Hymnische, Große tendierender Solido-Elektro-Wave-Rock mit melancholischem Pop-Einschlag also, freundlich grüßen: Placebo, Muse, you name it. Kleiner Exoten-/Originalitätsbonus: Manchmal klingt die Kopfstimme von Joakim Berg so, als ob Sigur Rós’ Jonsi am Mikrophon stünde, was am skandinavischen Sprachfluß liegt, keineswegs jedoch an musikalischer Gemeinsamkeit. Außerdem: Schräges Kirchenchor-Intro und interessante Booklet-Gestaltung. Und das ist soweit alles.
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