Die Popwelt scheint zur Zeit fest in weiblicher Hand zu sein: Lady Gaga, Beyonce, Rihanna, Lady Gaga, Kesha, Kylie, Lady Gaga ... was ist eigentlich aus den männlichen Popstars geworden? Die inhaltliche und stilistische Bandbreite der gegenwärtigen Erfolgsdamen ist häufig recht ähnlich gesteckt und hört überwiegend auf Popmusik mit deutlichen R’n’B-Anstrich, der mal mehr, mal weniger tanzbar gehalten ist. Nun folgt mit dem Debütalbum von Janelle Monáe ein gewisses Maß an Abwechslung. Zum einen macht die junge Amerikanerin vor kaum einem musikalischen Genre halt, zum anderen überrascht sie inhaltlich mit einem Konzeptalbum. Inspiriert von Fritz Langs Stummfilm-Klassiker „Metropolis“ erzählt Janelle Monáe von einem weiblichen Androiden, der ein unterdrücktes Robotervolk zu befreien versucht. Vielleicht wirkt das ganze Konzept ein wenig nach der speziellen Super-Marketing-Idee - ein Lob verdient sich die Künstlerin aber dennoch für die Tatsache, dass sie auf die so geläufigen Beziehungsgeschichten- und Herzschmerz-Standardthemen verzichtet. Vielleicht kam der Rat zu so einem Konzept auch aus dem Kreis ihrer prominenten Fürsprecher. Zum einen stammt Monáe aus dem Outkast-Künstlerumfeld und „featured“ beim grandios fetzigen „Tightrope“ Big Boi von eben Outkast. Zum anderen hat die Dame beim ausgesprochen geschäftstüchtigen P. Diddy einen Künstlervertrag unterschrieben. Die Vorzeichen für eine erfolgreiche Karriere auf dem launischen Musikermarkt sind also eher positiv zu werten. Dem Zufall wird mit dem Album „Archandroid“ jedenfalls nichts überlassen. Das gesamte Album wirkt aufwändig produziert und kann zudem mit einem guten Songwriting überzeugen. Wie eingangs bereits angedeutet lässt sich Janelle Monáe dabei auf kein Genre komplett festlegen. Auch dieses Album ist zwar in der Basis ein R’n’B getränktes Popwerk, verschließt sich aber dennoch nicht vor Genres wie Indierock, Funk und Jazz. Diese lockere Melange sorgt auf jeden Fall für Kurzweil. Allerdings werden die meisten Hörer auch Stücke vorfinden, auf die sie vielleicht eher verzichten möchten. Für mich ist es zum Beispiel der wüste Rocker „Come Alive“, der mich an die überflüssigen Rockausflüge von N.E.R.D. denken lässt. Die Qualität von „Archandroid“ schmälert das aber trotzdem nicht, es bleibt einfach ein wenig Geschmacksache.
In den frühen 90er Jahren zählten die Nürnberger Throw That Beat (In The Garbage Can!) für eine Weile zu den meistbeachtetsten Indiebands aus Deutschland. Die Band ist längst Geschichte und ihr Sänger, Comic-Zeichner Klaus Cornfield, lancierte vor einigen Jahren mit Katze ein neues musikalisches Projekt und veröffentlichte 2005 das entsprechende Debütalbum. Fünf Jahre später erscheint nun das zweite Werk mit dem Titel „Du bist meine Freunde“ und obwohl Cornfield mit seiner Katzenpartnerin Minki Warhol jetzt mit deutschen Texten musizieren, fühlt man sich häufiger an Throw That Beat erinnert. Hier wie dort regiert charmanter Indiepop mit leichtem Punk-Feeling, galanten Melodien und schrulligen Bubblegum-Ideen. Für den größten Vergleichsmoment sorgt aber vor allem die bubenhafte Piepsstimme von Klaus Cornfield, die wirklich kaum gealtert scheint und ganz sicher noch immer nicht jedermanns Geschmack sein wird. Die Gesangspartnerin Minki vermag übrigens mit ähnlich „markanten“ Gesang zu unterhalten, womit festhalten sei, dass es mit den kauzigen Gesangsauftritten auf die gesamte Albumlänge betrachtet, schon mal nerven kann. Die Texte dieser 13 kurz gehaltenen Stücke sind aber ungeachtet dessen sehr gelungen und süffisant. Und musikalisch kann man den Katzen auch wenig vorwerfen. Das ganze Album ist durchgehend auf Eingängigkeit ausgerichtet, es schrammelt angenehm rotzig und zappelig vor sich hin und erzeugt etwas „Throw That Beat“-Nostalgie. Abschließend sei festgestellt, dass ein Klaus Cornfield nicht nur auf Papier Comics malen kann. Auch vertont wirkt sein Schaffen wie ein bunter Comic mit ganz großen Sprechblasen.
Beim ersten flüchtigen geografischen Verorten von Norman Palm könnte der Hörer glatt auf die Idee kommen, dieses musikalische Projekt aufgrund des eher nasalen „Kaugummi“-Gesangs in südlichere Staaten der USA zu stecken. Aber selbst wenn der hier tätige Musiker zudem sogar auf Country- und Folkzugaben zurück greift, kommt Norman Palm eben nicht aus einem kleinen, verschlafenen Ort in Oklahoma, sondern aus dem deutschen Meppen und lebt derzeit in Berlin und der Liebe wegen von Zeit zu Zeit auch in Mexiko City. Stichwort Liebe: Das zweite Norman Palm Album „Shore To Shore“ habe ich von dessen Promoterin mit dem handschriftlichen Zusatz „was fürs Herz“ geschickt bekommen ... und ich gebe ihr vollkommen recht. Auf den zehn Stücken dieser Platte präsentiert sich der Berliner wirklich von der gefühlvollsten Seite. Seine sehr schönen Melodien sind durchdrungen von einer sanfter Melancholie. Die Arrangements der Songs schmückt Norman Palm mit unaufdringlichen, aber sehr sorgfältigen Ideen aus. Neben den bereits erwähnten Folkbeimengungen sind auf „Shore To Shore“ auch sehr viele elektronische Spielereien zu hören. Ein Stück wie „Easy“ wird von sanften Beats eröffnet, das countryesk und ruhig beginnende „$20“ erhält im Laufe des Songs ebenso elektronische Beats spendiert, die dem Stück einen hypnotischen Spin verleihen. Doch die wahre Stärke dieses Albums sind die wunderschönen Melodien. Norman Palms Debütalbum war noch eher ein Nebenwerk zu einem Grafikstudium und die CD fast schon „Beigabe“ zu seiner Abschlussarbeit, einem Grafikbuch. Mittlerweile hat sich Norman Palm aber scheinbar eher der Musik verschrieben ... aufgrund dieses Albums darf man sich darüber jedenfalls durchaus freuen.
Das was Brendan Adams auf seinem eben erschienen Album „Better Days“ präsentiert, darf wohl zurecht als komplett sommertaugliche Popmusik bezeichnet werden. Keine Wolke trübt die lichtdurchflutete Stimmung auf diesem Werk. Dabei hätte dieser Musiker durchaus genügend Geschichten auf Lager, deren Verarbeitung zu eher nachdenklichen, düsteren Klängen führen könnten. Brendan Adams ist gebürtiger Südafrikaner und hat eine schwierige Jugend in einem Ghetto bei Kapstadt verbracht. Als Sohn unterschiedlich hautfarbener Eltern gehörte Adams dort weder zu den weißen, noch zu den schwarzen Kids, was das Leben in einem von Rassenunruhen gebeutelten Land nicht leichter gemacht hat. Seine Heimat hat der Südafrikaner mittlerweile hinter sich gelassen und lebt jetzt in der Schweiz, wo er die inzwischen sechs Personen umfassende „Brendan Adams Group“ ins Leben gerufen hat. Auch wenn auf dieser Platte dezente afrikanische Einflüsse zu hören sind, hat das Album „Better Days“ rein gar nichts mit Weltmusik oder mit Afrobeats-getränktem Indiepop zu tun. Die Brendan Adams Group erinnert mit ihrem luftigen Folkpop eher an die Musik eines Jack Johnson. Die Grooves auf dieser Platte sind durchgehend von einer „Gute Laune Stimmung“ durchzogen, wirken immer entspannt und zu keiner Sekunde aufdringlich. Diese unbeschwerten Grooves verbinden sich mit sanften Akustikgitarren und der charmanten, sehr warm klingenden Stimme von Brendan Adams zu einem recht soulig angelegten Klangteppich. Mir persönlich ist trotz einiger netter Songs wie „It’s Not Over Now“ und „People With No Name“ das Album „Better Days“ aber dennoch eine deutliche Spur zu beliebig und konturlos. Wer aber auf der Suche nach unbeschwerter, sehr geradliniger Popmusik im Stile von eben Jack Johnson ist, der sollte dieser Musik einmal sein Ohr schenken.
Kaum jemand kann die unzähligen Platten, die Woche für Woche veröffentlicht werden nur halbwegs kennen und daher ist die subjektive Sichtung eines Star-DJs verständlicherweise sehr gefragt. DJ Hell präsentiert im Rahmen der Serie „Body Language“ für das Berliner Label Get Physical eine Auswahl von 23 Stücken, die auch aufzeigt, welche Metiers er beherrscht und wie groß und weitgefächert sein musikalisches Interesse ist. Das sorgt in diesem Fall für eine Musikauswahl, die ausgesprochen gelungen ist, es zeigt aber anderseits auch auf, wie begrenzt ein Tonträger-Format wie die CD mit seinen gut 70 Spielminuten ist. Beim ersten Hören ist die Begeisterung groß die unterschiedlichen musikalischen Landschaften auf diesem Mix zu entdecken. Gleich am Anfang der Mix-CD entzückt Hell mit „Dead Eye“ von Baby Ford + Eon mit einem absoluten Klassiker. Es folgen die zu erwartenden grandiosen House- und Techno-Tracks, bevor Hell dann in der Mitte der Sammlung seine Überraschungen setzt: Zum Beispiel taucht da das Streichquartett Balanescu Quartet mit einer Coverversion von Kraftwerks „The Robots“ auf, gefolgt von David Sylvians „Forbidden Colours“, einem der wunderschönsten Popstücke aller Zeiten, welches er wiederum sanft in das Instrumentalstück „Esque“ von Depeche Mode gleiten lässt. Anschließend lädt Hell wieder zum Tanzen ein, bevor er diesen Mix mit seinem eigenen Track „Germania“ sanft zur Landung bringt und als Schlusspunkt „This Is Not America“ von David Bowie setzt. Hells „Body Language“ brilliert mit einer komplett geglückten Stückeauswahl, die aber aufgrund der genannten Formatgrenze dennoch wie ein Tropfen auf dem heißen Stein der musikalischen Großtaten wirkt.
Vielleicht kann diese DJ Kicks-Ausgabe als Trostpflaster für alle Leute verstanden werden, die seit mittlerweile „Jahren“ auf die Burial-Edition warten. Wenn schon nicht die subjektive Dubstep-Sichtweise des Stars des Hyperdub Labels veröffentlicht wird, dann zumindest eine des großen Label-Bosses und Burial-Entdeckers Kode9. Gewiss gibt es mittlerweile genügend Dubstep Sammlungen zu kaufen, doch eine Zusammenstellung von Kode9 ist ganz sicher ein Anlass zur Freude. Und es sei gleich angemerkt, dass dieser Mix die hohen Erwartungen durchwegs erfüllt. Steve Goodman zeigt mit seinen diversen Arbeiten als DJ, Künstler und Labelbetreiber, dass er nicht zu den engstirnigen Vertretern der Dubstep-Szene gehört, sondern Künstler forciert, die gerne ein wenig über den Tellerrand blicken und für die dieses Genre lediglich eine gewisse Arbeits-Ausgangsbasis darstellt. Die im letzten Jahr veröffentlichte Hyperdub-Labelschau hat dies eindrucksvoll bewiesen. Diese Freiheit im Denken stellt Goodman nun auch auf diesem Mix-Album für die beliebte und vielbeachtete DJ Kicks Reihe vor. Teilweise gibt es Technoeinflüsse zu hören, partiell lässt Goodman aber auch Dancehall-, Dub- und R&B-Beimengungen zu. Vielleicht kommt dieser lockere und sympathische Umgang mit dem Genre daher, dass Steve Goodman nur nachts zu Kode9 wird. Im „wahren Leben“ trägt er einen Doktortitel und unterrichtet als Professor im „Institute for Sciences, Media and Cultural Studies“ der „University of East London“. Musik sozusagen als Nebenjob und entsprechend unbekümmert und unbeschwert wirkt das Ergebnis. Insgesamt gibt es vier Kode9 Stücke zu hören, „You Don’t Wash“ ist hierbei der übliche exklusive Track, den die Künstler für diese Reihe beisteuern. Ansonsten greift Steve Goodman auf seinen eigenen Label-Katalog zurück und mit u. a. Cooly G, Zomby und Digital Mystikz sind auch die Szenegrößen vertreten. Allerdings drängt sich kaum einer der Tracks so richtig prägnant in den Vordergrund, da der DJ alle Stücke nur kurz anreißt. Insgesamt umfasst der gut einstündige Mix satte 31 Werke und der wahre Star ist hier das Gesamtkunstwerk.
Nur noch alle drei Wochen Texte, und dann immer mehr vom gleichen: Nachdem letztens mit Markscheider Kunst die nicht gerade als Progressionsexplosion bekannte Gattung Ska zu ihrem Recht kam, sollte man dann auch gleich nachlegen, denn was man einmal angefangen hat, das muss man auch zu Ende bringen. Außerdem muss man den Teller leer essen, man muss fressen, bis der Teller leer ist, und man muss den letzten Fluss vergiften, um zu merken, dass man Geld nicht essen kann, und darum nun eben konsequent: Indie-Rock.
Die Einleitung wird der Platte natürlich nicht gerecht, auch wenn Chris Leo schon qua Familienname grundverdächtig ist. Allerdings hat sich der Bruder des ungleich populäreren Ted von seinem Wurzeln im emo-informierten amerikanischen Früh-Indie ein gutes Stück weit entfernt. Nach Bandzwischenspielen u.a. mit Mitgliedern von Blonde Redhead und Jets To Brazil in den Neunzigern (The Van Pelt, The Lapse) experimentierte Leo auf ganz anderen Feldern, schrieb 2004 mit White Pigeons einen Roman über verlorene Liebe, Tourleben, Ausbruch und Musik, dessen entscheidendes Kapitel in Form eines Albums konzipiert und natürlich beigelegt war. Momentan schreibt er in Mexiko einen Roman about a wordless letter, wie das Label Expect Candy verlauten lässt – die Sprachsensibilität des Songwriters spürt man auf dem mittlerweile dritten Album der längst realen Vague Angels in jeder Zeile. Außenstehenden sei der Albumtitel The Sunny Day I Caught Tintarella di Luna for a Picnic at the Cemetary anempfohlen.
Bei solch lyrisch-lakonischer Ausschweifung mag es erstaunen, dass das von der ersten Sekunde an mit kalt-heißem Griff an die Kehle geht – ein Griff, der bis zur letzten nicht gelockert wird. Die Songs leben von der Spannung zwischen Sturm & Drang, einer fast schon bedrohlichen Dringlichkeit der Musik und der melancholischen Distanz dylanesker Sprachkaskaden. Alles auf diesem Album ist Rhythmus, ist Melodie, ist Sprachfluss, ist Harmonie, ist Dissonanz, latinoamerikanische Einflüsse, Post-Core, Velvet Underground, Poesie. Ein tolles, unerwartet tolles Werk ist das geworden, eine schimmernde Perle aus den Tiefen halbdunkler Sommernächte. Vielleicht ist es den nach zehn Songs ob der Intensität atemlosen und immer noch überraschten Hörer_innen gewidmet, wenn Leo sein Album mit einem unterkühlt aufgesagten I know it / I knew it all along / I was just playing / I knew ausklingen lässt.
Plötzlich war da dieser Trend in den frühen 90er Jahren: TripHop. Ein Gebräu aus langsamen Beats, düsteren Klangteppichen, wilden Samples und eingängigen Melodien. HipHop vermengt sich mit Dub und Pop. Das Thema wird riesig, eine Veröffentlichungsschwemme überflutet den Markt und die musikalischen Glanztaten versinken darin. Das Resultat ist, dass dieses anfängliche Superetikett zum Schimpfwort mutiert. Ein paar Jahre später folgt dann die Fortsetzung: Ähnlich entspannt angelegte Song-Architekturen und Sounds werden diesmal meist als Downbeat bezeichnet. Die Vermarktungsfehler wiederholen sich und auch hier wird aus dem Großereignis in der Folge eher ein Leben in der Nische. Der Brite James Braddell betritt mit seinem Projekt Funki Porcini jedenfalls beim zweiten Durchstarten die musikalische Bühne und erhält eine Aufmerksamkeit, von der er jetzt wohl nur noch träumen kann. Das Label Ninja Tune ist eines der Labels der Stunde und Funki Porcini landete auch auf meinem Einkaufszettel. So richtig zwingend waren aber trotz toller Rhythmus-Spuren und Atmosphären weder ein Album wie „Love, Pussycats & Carwrecks“ oder „The Ultimately Empty Million Pounds“. Zwischenzeitlich hatte ich so das Interesse an Funki Porcini komplett verloren und wurde erst dank eines erhaltenen Promos des neuen Albums „On Off“ wieder auf die Klänge von James Braddell aufmerksam. Ich will nicht leugnen, dass ich die CD nicht mit großen Elan in den Player gelegt habe, aber nach mehreren Hördurchgängen attestiere ich, dass dieses Album deutlich gelungener ist, als ich dies erwartet hätte. Braddell präsentiert einen abwechslungsreichen Songreigen, der trotz aller Vielfalt wie aus einem Guss wirkt. Die Reise geht von Ambient, über typischen Ninja Tune-TripHop Sound hin zu eher jazzigeren Klängen. Das ist alles nicht wirklich Neu, doch „On Off“ ist durch einen etwas experimentelleren und mutigeren Charme angetrieben, der dieses Werk interessanter als frühere Funki Porcini Sachen macht. Und mit „The 3rd Man“ ist das bislang vielleicht wunderbarste musikalische Stück von James Braddell enthalten - ein dunkelgefärbtes und höchst atmosphärisches Pianostück, welches z. B. Leyland Kirby Fans in höchstem Maße entzücken dürfte.
In jüngster Zeit orakeln einige Medien ein Comeback des Alternative-Rocks herbei, wie er in den 90er Jahren groß war. Die Silversun Pickups aus Los Angeles erfüllen diese Schublade dann wohl ganz gut und werden bereits mit den Smashing Pumpkins verglichen. Ein breitflächiger Klangteppich mit markantem Basslauf, schweren Drums, bratzigen Gitarren und hymnischen Momenten. Die Single "Panic Switch" erinnert mich schwer an Butch Vigs Garbage Projekt und ist tatsächlich ein richtiger Hit. Hier geht es zum Video: http://www.tape.tv/vid/57852
Am 10. Juni präsentiert die Band den Song übrigens bei Germanys Next Topmodel, falls das jemand sehen sollte.
Das hier macht mich noch fertig. Wie kam es, dass The Picturebooks vor circa einem Jahr so bei mir einschlugen, ich sie dann fast! vergaß, nur um dieser Tage bei "Artificial Tears" wieder zu denken: herrje, wieder ein Album wie aus einem Guss. Klingt sie auch wie die (geschickt) zusammengeklauteste unter den deutschen Rock-Newcomern, sie gehört momentan vor allem zu den unterhaltsamsten und geeignetesten Bang Bang Rock'n'Roll-Maschinen für Einsteiger und, ja, Ahnungslose.
Wie die Band ankündigte, soll im nächsten Jahr Album Nr.3 fertig sein. Scheint, man bekomme heute nur noch mit derlei Aktionen einen Fuß in die Tür. Die Jungs machen jetzt jedenfalls ernst. Eine ähnliche Sprache spricht da zum Beispiel auch (wieder hier ein leidiges Thema aber da muss man auch mal durch wollen) das CD Cover: Einstmals babyblaues Wohlfühl Design tunchte man für "Artificial Tears" glutrot, die Band davor wie drei Waldschrate, die ein Jahr lang felsige Wälder durchwanderten, nur um sich zum Schluss eine Kippe anzuzünden. Des dritten Albums Cover darf dann ja nur noch schwarz werden. Und sowieso: diesmal nahm man sich selbstbewusst heraus, den Opener "I Put A Spell On You" zu nennen, auch wenn der mit seinem bekannten Namensvetter nicht viel gemein hat. Und unser aller "I got 99 problems but the bitch aint one" transkribiert die Band zu einem "Running Out Of Problems (You Can Have Some Of Mine)". Schreibt man so Geschichte (um)? Das gediegene "Dance Tiger Dance" mit seinem hohem Ruhepuls bedient dann jede Lust auf mantrische Schleifen. Aber wieder kann man nicht meckern, kann man sich aber auch nicht reiben. Eingängig, ja. Glatt zuweilen eben auch.
Das Konzept Picturebooks bedarf keines weiteren Aufschreis, letztlich keiner weiteren Beschreibung und: geht so auf. Denn wirft man der archetypischen Rockhaltung der Band am Ende noch fehlende Originalität vor, bescheinigt man damit nur, dass ihre spürbare Qualität mit weit höherem gemessen werden will und gemessen werden kann. Das allein darf einer so jungen Band reichen, den Aufwind bis 2011 zu behalten. The Picturebooks bleiben eine der wichtigsten Nachwuchsrocker Deutschlands.
Bei den ersten Berührungen mit dem neuen Anthony Rother Album „Popkiller 2“ war meine spontane Empfindung, dass diese Platte durchaus recht reizvoll klingt. Gleichzeitig konnte ich jedoch das Gefühl nicht ganz abstellen, dass mir die zehn Stücke mit ihren markanten Refrains und Melodien ein wenig zu plakativ ausgefallen sind und mehrere Tracks zu sehr in Richtung „großer Hit“ getrimmt sind. Doch bei der weiteren Beschäftigung mit diesem Album ging mir diese leichte Ablehnung irgendwann komplett verloren. Im Gegenteil: Gerade die Nähe zum Pop und der Flirt mit zündenden Melodien, lässt dieses Werk von der Masse an Elektro-Platten abheben. Dass ein Produzent wie Anthony Rother mit seinem fünften Album noch immer weiß, wie elektronische Musik funktioniert, dürfte sicher keine Überraschung darstellen. Mit kühler Ästhetik flirtend, beherrscht Rother es eindrucksvoll, akkurat angelegte Club-Tracks zu zimmern, die atmosphärisch bestechend sind und trotz teilweise epischen Formats nicht zu langweilen beginnen. Durch den vorhandenen Pop-Appeal funktionieren die meisten Stücke dieses Albums zudem nicht nur im Club, sondern auch im Wohnzimmer. Der erfolgreich angelegte Spagat für die gleichzeitige Tanzflächen- und Heimeignung ist bei Techno-Platten natürlich kein Novum mehr und auch so schafft es ein Anthony Rother nicht, dem Genre neue Impulse zu verleihen. Dennoch ist dies aber ein Werk, welches sich das Prädikat „Qualitätsarbeit“ verdient hat.
Der gute, alte Ska. Zeitlos irrelevant. Aber eben: Zeitlos. Einen kurzen Augenblick im Zentrum des Pop-Diskurses vielleicht Ende der Siebziger, als The Clash und die Specials Punk in Richtung Jamaika weiterdachten – mit einem antirassistischen Background, der allzu oft auf ein Schachbrettmuster reduziert wurde. Seitdem taugt Ska zumeist eher für den Grillabend-Diskurs. Nothing wrong with that, natürlich; auch wenn so manchem Vertreter aus der Ska-Punk-Szene ein wenig Verwurzelung im kritischen Denken ganz gut zu Gesicht stünde. Etwa den doch hoffentlich längst abgemeldeten Ska-P, denen ich gerne mal ein leider noch zu schreibendes Standardwerk zu linken Antisemitismus über den Kopf ziehen würde. Der gute, alte Ska also. Der uns Provinz-Metropolenkindern ja den ein oder anderen Abend gerettet hat, wenn die lokalen Heroen mit den szenetypisch unlustigen Wortspielnamen zum, jaja, Pogen einluden. Der also. Was hat der auf diesen Seiten verloren?
Neulich erreichte mich tatsächlich eine Platte, die ganz schön unpeinlich Ska war – und Calypso, Reggae und allerlei Tropicalia mehr. Buena Vista Russian Club, wortspielt das Label (und damit ist man auf diesen Seiten ja nahezu daheim, da bewegt man sich ja quasi in unseren Kern-Diskursen). Die dazugehörige Band heißt Markscheider Kunst, fünf Alben und fast zwei Jahrzehnte ist das Spektakel aus St. Petersburg an mir vorbeigegangen. Denn spektakulär ist das jederzeit: Zu den unglaublich sonnigen vibrations kommt ein gehöriger novelty-Faktor in Form russische Texte, deren eigenwilliger Sprachfluss einfach großartig klingt, wenn er auf Hawaii und Highlife trifft. Natürlich gibt es auch Osteuropa-Folklore, aber eben nie ohne die zähflüssige Leichtigkeit von 40 Grad im Schatten bei leichter Brise überm Meer. Utopia heißt das Album, und vielleicht ist das ja eine Ansage – ich bin von diesem tighten, sanft experimentellen, gutgelaunten Sound jedenfalls sehr überzeugt. Und übrigens auch, das sei an dieser Stelle mal angefügt, von der Arbeit des Labels Eastblok, das, wie schon im letzten Jahr etwa mit den großartigen La Minor, wieder einmal eine spannende osteuropäische Band fernab der branchenüblichen Traditions-Purismen gefunden hat und sich so langsam, fernab von Hipster-Pop-Relevanz natürlich, zu einem kleinen Qualitätssiegel gemausert hat.
In Interviews anlässlich seines neuen Albums, verrät Jamie Lidell derzeit gerne, dass er einige turbulente Jahre hinter sich habe, nun jedoch wieder die Spur gefunden hat. Dazu gehört zum einen eine neue Liebe, aber auch der Wechsel seines Lebensschwerpunktes von Berlin nach New York. In keiner anderen Stadt als dieser leben so viele Menschen unterschiedlicher Rasse, Nationalität und Kultur zusammen. Und vielleicht hat genau der Schmelztiegel New York Jamie Lidell ein Stück weit zu seinem neuen Album „Compass“ inspiriert. Denn so vielfältig und abwechslungsreich diese Metropole ist, so kunterbunt und bewegt geht es auch auf „Compass“ zu. Der 36-jähige Brite stößt die musikalischen Grenzen nieder und macht scheinbar einfach genau das, worauf er im Moment Lust hat. Ein paar Beispiele: Das soulige „She Needs Me“ könnte ein Stück auf einem D’Angelo Album sein, auf „We Are Walking“ gibt Lidell den wilden Rocker zu verzerrten Gitarren, während er wiederum bei „The Ring“ in Sachen Funk einem Prince in nichts nach steht. Auch eine bewegende Ballade mit Streichern und Kastagnettenklappern gehört in Lidells Programm (der Titelsong „Compass“). In einem Moment klingt sein neues Album „Compass“ wie ein reinrassiges Retro-Album, doch im nächsten flirtet der Brite gleich wieder mit moderner Elektronik. Von der stilistischen Abwechslung abgesehen, wirkt Jamie Lidell auf dieser Platte so aufgewühlt, leidenschaftlich und frisch wie nie zuvor. Dazu gehört auch, dass seine Stimme so markant wie zu Super Collider Zeiten ertönt und die penible Glätte vom Vorgängerwerk „Jim“ nahezu verschwunden ist. „Compass“ ist zudem so eine Art Allstars-Platte geworden. Die meisten Stücke hat er mit Beck aufgenommen, produziert hat Chris Taylor von Grizzly Bear und Feist, sowie Gonzales durften u. a. auch noch mitmischen. Besonders Beck hat streckenweise deutliche Spuren auf diesem Album hinterlassen, wie dies eindrucksvoll beim Stück „Coma Chameleon“ nachzuhören ist. Derzeit kann ich mich zwar (noch) nicht mit jedem Song auf Jamies neuem Album komplett anfreunden, doch die Aussage, dass ich mir mehr Musiker wünschen würde, die musikalisch so befreit und mit so viel Mumm auftrumpfen, möchte ich an dieser Stelle schon mal zu Protokoll geben.
Die befreiende Ordnung des Schreibens im Metadrehen des Großen Ganzen ist vielleicht überschätzt, nichtsdestotrotz gegeben. Guido Diego Buchwald schlenzt den Ball an den Pfosten, Rudi Völler fällt im Strafraum, die tollen Lieder der letzten Tage: Joanna Newsom – On a Good Day; Tunng – Santiago; Avi Buffalo – Summer Cum; Avi Buffalo – Where’s Your Dirty Mind. Avi Buffalo sind großartig, weil ihr Sommer nach Liebe riecht und nach Körpersekreten und das auch darf, großartig also, weil Surfmusik mit Teenage-Angst-Brodeln in den cracks und Brüchen, also so, wie die Shins klingen sollten, würden sie keine Musik für mich und dich machen, sondern für unsere spannenden Alter Egos. Hört Avi Buffalo, schlagt Sahne in euren Herzen. Trotzdem an dieser Stelle und mit der üblichen Verspätung die Besprechung einer ganz anderen Platte, dem Debüt von Cory Chisel & The Wandering Sons. Cory Chisel fällt natürlich spontan in die kleine Schublade mit den ganzen komischen amerikanischen Namen, die er sich mit etwa Turner Cody, Caleb Followill und meinetwegen Brendan Benson teilt. Mit dem brillanten Cody verbindet ihn sonst nicht viel, mit Followill der eh mitgedachte Prediger-Background, mit Brendon Benson wiederum den Hang zu solide abgehangenem Süd-Folklore-informiertem Songwritertum. Und auf Death Won’t Send a Letter auch ein paar Tonspuren. Dass Benson nicht der einzige Wandering Son ist, wird angesichts dessen langen Kollaborations-Biographie kaum verwundern, da scharrt sich natürlich gleich die halbe Raconteurs / Dead Weather – Familie im Studio, und auch My Morning Jacket lässt mal als Botschafter den Gitarristen Carl Broemel anklopfen. Klingen tut’s dann halt auch so: Wie das, was man so macht mit der Viertband, wenn man selbst nur ein solider Songwriter ist, also voll okayer pastoraler, glücklicherweise nicht missionslüsternder Americana-Whisky-Folk-Rock, da mal bisschen Dylan, da mal bisschen Springsteen, manchmal zu viel, manchmal zu wenig, also: Nee. Hört Avi Buffalo!
Bis vor kurzem hatte ich James Murphy für nahezu unfehlbar gehalten. Doch dann kam mir mit seinem Soundtrack-Beitrag zum Film „Greenberg“ die Erkenntnis, dass der Amerikaner vielleicht nicht unbedingt der begnadetste Singer-/Songwriter ist. Neben einem neuen LCD Soundsystem Stück liefert er dort Irritierenderweise elf eher fahle und uninspiriert wirkende Stücke ab. Mit dem Album „This Is Happening“ erscheint nun aber, wenige Monate später, das dritte reguläre LCD Soundsystem Album und die Feststellung, dass der Mann keineswegs etwas verlernt hat, sondern seine Stärken wohl dann am Besten ausspielen kann, wenn es um dreckig-fette Sounds geht und er darüber in bester Mark E. Smith Tradition Texte ausspucken darf. „This Is Happening“ ist eine schlüssige Fortführung der LCD Soundsystem Idee und mag dennoch den ein oder anderen Hörer vielleicht durch den fehlenden Überraschungseffekt etwas weniger begeistern als noch mit dem letzten Album. James Murphy sieht dies womöglich selbst so und hat im Vorfeld dieser Veröffentlichung das entsprechende Ende des Projekts angekündigt. Vermessen wäre es aber, dem neuen Werk seine Qualität absprechen zu wollen, nur weil Murphy auf seinen selbst geschaffenen Trademark-Sound setzt und seine Fans nicht mit einem Aha-Effekt zu verblüffen mag. „This Is Happening“ beinhaltet unbestreitbar wieder eine Reihe neuer Hits. Zum Beispiel die Vorab-Single „Drunk Girls“, die mit prolligem Charme glänzt, das epische dahin rollende „One Touch“ oder das noch länger angelegte, ironische „You Want A Hit“ mit der süffisanten Textzeile "You wanted a hit, but maybe we don't do hits, I try and try, it ends up kind of wrong". Hier bekommt der LCD Soundsystem-Anhänger also wieder genau die richtige Dosis an dicken und treibenden Basslinien, fetten Beats und Percussions, angezerrten Gitarrenläufen, eingängigen Melodien und dem leichtem Punk-Topping obendrauf. Und das alles in der gewohnten Qualität. Es mag sein, dass Murphy bereits alles zu diesem Sound gesagt hat, aber ein Ende dieses Projekts ist andererseits eine schreckliche Vorstellung. Doch womöglich schafft er die Überraschung und überzeugt das nächste mal sogar mit einer super spannenden Singer-Songwriter-Platte.