Haldern Pop 2007, Part I. Die Ohnmacht der Möglichkeiten.6. August 2007 / Kategorie: Events![]() Die Ohnmacht der Möglichkeiten ist 2007 zum Motto erklärt worden. Ich muss gestehen, so ganz klar ist mir nicht, warum. Weil es so schlimm ist, Alternativen zu haben, wie der Eingangstext zum Haldern-Pop-Magazin suggeriert? Don’t know. Aber nicht allzu viel drüber philosophieren, sonst ist man sich irgendwann nicht mehr im Klaren, ob die Haldern-Pop-Sprüche eigentlich nun hyper-tolle, unglaublich sympathische und nett-hippieske Querschüsse zur furchtbaren Sachzwangwelt darstellen oder doch nur den ewig jungen alten Wertkonservatismus verschleiern. Eine tolle, eine reizvolle Unsicherheit, wie ich finde. Da kommt man (seien wir ehrlich) ohne Headliner aus, und es ist trotzdem ausverkauft; weil: Ein gutes Publikum weiß um die Qualität der Überraschung. Noch so ein Haldern-Spruch. Andererseits sieht diese Überraschung dann nicht selten so aus wie ein Mann am Klavier, eher selten hingegen kommt sie aus einem queeren Umfeld oder gar einem Bereich jenseits der berüchtigten musikalischen Authentizität. Haldern 2007 also: Ein großes Mal-Sehen, und gerade das darf doch wohl vom tollsten Festival der Welt erwartet werden, oder? Eröffnet wird das Festival – traditionell mittlerweile - am Donnerstag Abend mit einem hübschen Line-Up im flämischen Spiegelzelt, einer unglaublich reizvollen Location, die den Nachteil hat, sehr begrenzten Platz zu bieten (300 Menschen) für sehr viel mehr Festivalbesucher (7000 Menschen). Dieses Jahr wurde diese zweite Bühne erneut dahingehend ausgeweitet, dass mehr als die bisherigen zwei Bands pro Abend bis in die Nacht spielen, das Programm beginnt nun vielmehr schon um zehn Uhr an den beiden eigentlichen Festivaltagen und bietet einige der absoluten Festival-Highlights.Wer also am ersten Abend schon Two Gallants und Naked Lunch sehen wollte, durfte sich auf eine lange Wartezeit einstellen und möglichst schnell ins Zelt pilgern. Um halb acht also anstellen und dabei Grand Island verpassen. Zu Get Well Soon ist man dann drin, schneller als erwartet. Und, was sich schon in den nach draußen klingenden Klangfetzen angedeutet hat, bewahrheitet sich schließlich: das Musikerkollektiv um Konstantin Gropper lässt schon am frühen Abend tief ins melancholische Quellwasser tauchen. Die Gitarre wird mit dem Cello-Bogen gestrichen, Violine und Piano runden den getragenen, intimen Klang ab, in den die epischen, dennoch oftmals sarkastischen und nie allzu sentimentalen Songs gefärbt sind. Live derart ergreifend, dürfte der anstehende Debüt-Longplayer Rest Now Weary Head, You Will Get Well Soon eine große Sache werden. Tunng sind das bereits, es weiß nur kaum jemand. Warmer Sixties-Sound ergänzt sich bei dem Folktronic-Kollektiv mit pluckernder Elektronik und Instrumentarium aus dem Weirdo-Folk-Kinderzimmer von CocoRosie auf eine beinahe magische Weise, die die unglaublich schönen Songs und schlichten Mantras auf eine eigentlich unerreichbar geglaubte Ebene hieven, die plötzlich nur eine Handbreit entfernt scheint. Zu solcher Musik geht wohl die Sonne auf. Der Übergang darum zu den Two Gallants umso härter, deren rauer Garagen-Folk doch spontan eher in die späten, whiskytrunkenen Abendstunden verortet werden will. Das Duo in Gitarre-Schlagzeug-Aufstellung ging mit dem letzten Mini-Album einen Schritt hin zum akustischen Songwritertum, haut live aber nach wie vor alles und jeden um. Und erst in einem solch intimen Rahmen wie dem Spiegelzelt fällt auf, wieviel Aggression tatsächlich in dieser Musik steckt. Wer dem Sänger und Gitarristen beim Spielen in die Augen sieht, fragt sich einmal mehr, wessen Geist von ihm Besitz ergreift in diesen Liedern, die von Tod und Hass handeln und nach Schwarzweiß-Photographien und Südstaatenhitze klingen. Leider war das Publikum im prall gefüllten Zelt scheinbar schon zu geschafft von der schlechten Luft und gestauter Hitze, um das Konzert der T2G entsprechend körperlich erfahrbar zu machen. Schon den ganzen Abend über hatten die Bands gegen ein starkes Hintergrundrauschen von Gesprächen ankämpfen müssen, dem vor Tunng schließlich ein Haldern-Moderator beikommen wollte - kann man machen, aber schade, dass sowas scheinbar sein muss, denn richtig ist es nicht. Bei An Pierle & White Velvet war dann auch meine Kondition am Ende, weswegen der Piano-Pop der Belgierin meinerseits eher schlecht wegkam. Die recht beliebigen Chansons handeln von „starken Frauen“ usw., die Ansagen kommen wie erwartet im Lolita-Französisch-Akzent. Dem Publikum gefällt’s trotzdem. Meiner Stimmung dann ebenso wenig zuträglich ist schließlich die Stunde Verspätung, die man sich dann vor der letzten Band des ersten Abends eingefangen hat. Erst um zwei Uhr treten schließlich Naked Lunch an, nachdem in der Aufbauphase das letzte Album von Antony & The Johnsons fast zweimal durchlief, was ja nun ohnehin nicht erste Wahl ist, wenn man in der Hitze des Spiegelzelts leidet, aber dann in jeder Umbaupause auch noch das gleiche – also bitte. Naked Lunch dafür von umwerfender Wichtigkeit. Man merkt das ja sofort, wenn jemand auf die Bühne kommt, und bei den Österreichern stellte sich sofort das Gefühl ein, hier etwas ganz Besonderes zu erleben. Das letzte Album This Atom Heart Of Ours war voller emotionaler Songperlen, und es war spannend, wieviel dieser Stimmung live rüberkommen würde: Es war letztendlich zuviel. Durch die SynthieStreicher-Einsätze unterscheiden sich Naked Lunch auf der Bühne kaum von ihrem Studio-Sound, was die ganze Angelegenheit etwas langweilig machte. Lediglich der Über-Song Military Of The Heart zieht gewaltig an Tempo an und überschäumt vor Euphorie. Und gerade die auf Platte unauffälligen Hintergrundgeräusche sind es, die dem Live-Sound stellenweise eine atonale Hysterie verleihen, wenn Oliver Welter und Bassist im Chor schreien und weit hinter jeder Vernunft lachen. Insgesamt also ein großer Abschluss eines tollen ersten Tages, dem ich aber vor allem auch ein nicht unerhebliches Schlafdefizit zu verdanken habe. Und Samstags soll’s ja bis um vier Uhr morgens dauern. Also, allein musikalisch schon.(Die Bilder stammen vom Haldern-Blog.) (Der Bericht vom Freitag ist hier zu finden: Mit u.a. Jamie T, Spiritualized, Under Byen; und der Samstag mit Friska Viljor, Malajube, Duke Special usw: an dieser Stelle Kommentare
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