Label: Sevenahalf Records
Wenn man die Geschichte des Jahrzehnts auf diese Weise erzählen wollte, dann beginnt es mit Sigur Rós – es mit
Helgi Jonsson, der die Isländer als Posaunist ins Studio und auf die Bühne begleitet hat, der selbst als Isländer den Island-Sound pflegt, ausklingen zu lassen, ist nur konsequent.
Ágætis Byrjun hieß das Album, das im Jahr 2000 einen Klang neu erfand.
Indeed, since Ágætis Byrjun was one of those records that filled a deep-seated need listeners didn't even know they had, experiencing it was at first a little confusing. Punk had taught us to be skeptical of pure, unapologetic prettiness, so as underground music fans, we'd been conditioned to reject this sort of thing. We were used to it being cut with noise, irony, or emotional distance, which left us unprepared for exquisitely crafted music that asked to be appreciated in the same way as a bright orange sunset or the first snowfall of the season, schreibt Mark Richardson im
Nullerrückblick für Pitchfork, wo das Album als achtwichtigstes des Jahrzehnts gelistet ist, knapp hinter den Strokes. Er bringt damit auf den Punkt, was die Faszination dieses majestätischen Klangbildes ausgemacht hat, damals, als von New York – in mehrfacher Hinsicht - noch keine Rede war. Gleichzeitig beschreibt er aber auch die Unmöglichkeit, das Gefühl wiederholen zu können, das diese Musik – bei mir war es kurz darauf
( ), das mich ähnlich umgeworfen hat – einmal ausgelöst hat.
Ein Jahrzehnt ist vergangen seitdem, der
Spiegel betitelte es unlängst als das verlorene, obskur wie immer, welches wäre nicht verloren gewesen; ein Jahrzehnt also, das von vorne bis hinten eingeimpfte Krise war, aber was heißt das schon. Der Unterschied ist vielleicht der: Während die No-Future-Generation als Punk-Protagonist tatsächlich keine Zukunft sah, ist uns die Zukunft allzu bewusst – das Wissen, dass es immer weitergeht. Wir haben das eschatologische Bewusstsein verloren, obwohl uns reale Weltuntergangsszenarien bewusst sind wie zu Zeiten des Kalten Krieges. Gleichzeitig ist das Gefühl verloren gegangen, dass sich Zeit, Welt, Leben stringent darstellen ließe. Die Welt hat ihre Tagesschau-Haftigkeit verloren, ist keine Abfolge von Ereignissen, die sich größtenteils aus Treffen von Männern in Anzügen oder Camouflage zusammensetzen. Es ist bewusst geworden, dass Leben ein unendliches Nebeneinander, Überkreuz und Parallel ist, dessen Relevanzen erst verteilt und balanciert werden müssen. Wir haben uns vom Konzept logischer Abfolge verabschiedet, vom Konzept Konsequenz, vom Konzept der Originalität, der Authentizität, schließlich vom Konzept Szene, dem Konzept Hype, dem Konzept Trend, die
Spex letztlich völlig zurecht von der Sackgasse herkömmlicher Plattenkritik. Gegenüber dem oszillierenden Weltverständnis, das da auf uns zukommen könnte, wirken Chaplins
Moderne Zeiten, wirken die Ideen des Poststrukturalismus wie der Nichtangriffspakt von Gijón, die Polyphonie der Brooklyn-Szene als holistisches Klangbild. Gegenüber dem, was da kommen könnte, müsste, in Kunst, Musik, Literatur, wissenschaftlicher Darstellungsweise, Film, Wahrnehmung, erscheint Burroughs Cut Up wie ein gottverdammter Haiku. Wir werden den Splitter feiern, die Zersplitterung, das Als-Ob und den inneren Widerspruch. Wir rasen, aber wir wissen, dass es kein Ziel gibt, keinen Höhepunkt, dass nicht der Weg, sondern die Geschwindigkeit das Ziel ist. Wir werden den Futurismus links überholen.
In erster Linie aber werden wir Sigur Rós nicht mehr so hören können, wie wir es können wollen. Eskapismus ist keine Hilflosigkeit, sondern ein Talent, das wir nicht gepflegt haben, weil das Verkümmernlassen angemessen erschien. Insofern ist Helgi Jonsson auf
For the Rest of My Childhood, dessen Cover von Alex Somers (
of Jonsi&Alex-
Fame) gestaltet wurde, die richtige Stimmung geglückt, um diesen regnerischen Winter zuhause im Warmen genießen zu können (wo aber findet das denn statt außerhalb von maroder Plattenkritik?). Eine runde, wunderschöne, konservative, gerade in ihrem autobiographischen Anspruch anachronistische Platte ist das geworden, eine Stimme im Diskurs, freilich, aber eine, die überhört werden wird, weil sie nichts abbilden kann außerhalb des privatistischen Versuchs, Zerbrochenes zusammenzuhalten. Das ist ein bisschen schade und ein bisschen gut, das ist ein bisschen einfach so. In zehn Jahren werden wir es vielleicht wieder lieben, diesen Klang, dieses sich Hingeben in abgehangene Melancholie. Für’s erste aber bleibt, wie immer, die Hoffnung auf das Neue. Euch allen einen tollen Jahreswechsel und einen guten Start in die Zehner!